Andrera — Fotoarbeit
„Nicht der Mensch ist asozial, sondern die Verhältnisse, in denen er lebt.“ *
Aus einem oberflächlichen Kennenlernen wurden intime Einblicke in die Lebensrealität Andreras, einer obdachlosen Frau in Düsseldorf.
Schmerz, Wut, Trauer, Hass – gegenüber dem System, den Menschen, der Umgebung, dem Leben selbst, all das empfindet sie.
Andrera macht dies im Stadtbild und online sichtbar: über Demonstrationsschilder, die sie schreibt und malt, und Emails, die sie an unterschiedliche Adressat*innen sendet, wie Regierungsmitglieder, Hilfsorganisationen, Sozialarbeiter*innen und schließlich auch an mich.
Was von außen, von den Menschen, die im Stadtraum oder im digitalen Raum adressiert werden, oft als Provokation oder Radikalität gelesen wird, erscheint in dieser Abstimmung zwischen der fotografierten Person und dem Fotografen erarbeiteten Serie als Versuch, gehört zu werden.
Über mehrere Monate habe ich versucht, Andrera als Mensch und auch die Welt, die sie umgibt und wie sie von ihr erlebt wird, zu verstehen.
Es entstand eine Beziehung, geprägt von Rückschlägen, Vorwürfen und Selbstzweifeln, aber auch von Momenten der Nähe. Diese Arbeit versteht sich als Möglichkeit, der Radikalität Andreras, in ihrem erlebten Nicht-verstanden-Werden und der von ihr erlebten, aber auch real vorhandenen Ungerechtigkeit gesellschaftlicher Realitäten visuell Raum zu geben.
Wie weit ist ein Mensch vom Elend entfernt?
Wie weit greift eine gesellschaftliche Absicherung und was passiert, wenn diese Sicherheit plötzlich wegbricht?
Persönliche Schicksalsschläge, Krankheit, prekäre Arbeitsverhältnisse, psychische Probleme: Was hält einen, wenn alles nach unten zieht?
Und was geschieht, wenn man nicht mehr als Bürgerin wahrgenommen wird, nicht mehr Teil eines politischen Gemeinwesens ist?
Die subjektive Sichtweise und meine dokumentarischen Möglichkeiten treffen fragil auf den von der Protagonistin produzierten Selbstausdruck.
Ich habe Anrera über einen längeren Zeitraum begleitet, mit ihr geredet, gefeiert und sie auch fotografiert; sie wiederum schickt mir E-Mails mit lyrischen Textpassagen sowie angehängten, von ihr selbst fotografierten Handyaufnahmen.
Es ist eine fortlaufende Freundschaft, in der zwei Realitäten aufeinandertreffen. Die Arbeit wird so zu einem Spiegel, der nicht nur die porträtierte Person zeigt, sondern auch mein eigenes Sein sowie das der Betrachter*innen infrage stellt.
So lote ich in dieser konzeptionellen, fotografischen Arbeit aus, wie sich dokumentarische Praxis verändert, wenn eine respektvolle Nähe zur Protagonistin entsteht und ich zu einem Vertrauten werde, der Andrera den Raum gibt, die Arbeit und damit ihre visuelle Sichtbarkeit mitzugestalten.
* Steffen Zillig aus dem Buch: Ästhetik des Asozialen
Fotoprojekt
Sozialdokumentarisch
Nikon D800
Farbe, Blitz
in 2026
